Das heutige Nicaragua war aufgrund seiner geo- graphischen Brückenlage Treffpunkt südamerikani- scher und mesoamerikanischer Kulturen.
Die beiden wichtigsten Gruppen waren die aus den kolum- bianischen Anden stammenden Chibcha und die aus Süd- mexiko eingewanderten Nahua-Sprecher der Chorotega, deren materielle Kultur starke Ähnlichkeiten zu der der Maya hatte. Während die Chibcha überwiegend im karibischen Tiefland siedelten, lebten die Chorotega im
pazifischen Raum. Von hier wurden sie im frü- hen 13. Jahrhundert von aus Mexiko stammen- den Gruppen, die nach dem Fall des mächti- gen zentralmexikani- schen  Stadtstaates Tula eingewandert wa- ren, verdrängt. Nach ei- nem ihrer Führer nannte man sie Nicarao. Die kulturelle Verwandt- schaft dieser Gruppen mit den Azteken und Maya belegen nicht nur Keramikfunde, sondern auch die noch heute weitverbreiteten Grundnahrungsmittel Mais, Bohnen, Chilis und Avocados. Die Bevölkerung im Osten Nicaraguas schließlich bestand aus karibischen Gruppen, deren Wirtschaft auf Jagd, Fischfang und Brandrodungsanbau basierte. Ihre Grundnahrungsmittel waren Knollenfrüchte, vor allem Maniok, sowie Bananen und Ananas. Typische Merkmale der karibischen Kultur sind auch die runden, palmengedeckten Hütten und die Kanus. Alle drei Bevölkerungsgruppen waren politisch nach dem Muster einer Monarchie organisiert, mit einem unabhängigen Führer (Cacicazgo) an der Spitze einer Adelskaste. Die Gesetze und Anweisungen des Kaziken wurden von königlichen Boten in die einzelnen Siedlungen getragen und dort der versammelten Bevölkerung verkündet.
Trotz ihrer Gemeinsamkeiten waren die Kulturen unterschiedlich entwickelt. Dies führte zu häufigen Konflikten zwischen den Gruppen.
Die spanische Eroberung des Landes, die von Panama ihren Ausgang genommen hatte, brachte vor allem die Bewohner der zentralen Regionen in engen Kontakt zu den Spaniern. Im Westen und den Hochlandregionen wurde binnen weniger Jahre fast die gesamte indigene Bevölkerung
von sich schnell verbreitenden Infektions- krankheiten dahinge- rafft. Im Osten hinge- gen, den die Europäer nicht besiedelten, über- lebten die meisten indi- genen Gemeinden.
Allerdings führten hier später die Engländer Munition und Waffen ein, die sie vor allem an das Volk der Bawihka verteilten. Diese ver- mischten sich mit ent- kommenen Sklaven aus den britischen Karibik-Kolonien. Ihre militärische Überlegenheit, die sie den britischen Waffenlieferungen zu verdanken hatten, nutzten sie dazu, ihr Siedlungsgebiet zu erweitern und andere indigene Gruppen ins Landesinnere abzudrängen. Diese afro- indigene Gruppe wurde Miskitos genannt und die versprengten Überbleibsel ihres früheren Expansionismus nannte man Sumu.